MutterKutter
vor 2 Monate
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Mein Kind mag kein Gemüse!

Wer kennt es nicht!? – Sie haben die letzte halbe Stunde in der Küche gestanden, sich überlegt, was den Kindern wohl schmeckt. Sie kochen, probieren, finden es selbst super, sind stolz, tanzen ein bisschen zur Küchenmusik und rufen dann freudig „Eeeeessen!“ HA! … und was passiert dann? Die Kinder kommen hungrig an den Tisch, haben sich noch nicht einmal hingesetzt, schieben plötzlich wütend den Stuhl beiseite und rufen aus tiefstem Herzen dieses inbrünstige B Ä H ! Na, DANKE! Hallo liebes Universum – willkommen in unserer Küche!

Ich ernte kein BÄH! bei Nudeln mit Soße oder Soße mit Nudeln – denn als Soßenexpertin kann ich da gar nicht so viel falsch machen und mit Nudeln sowieso nicht. Und natürlich bei all den Gerichten, die ich selbst als Kind geliebt habe: Pizza, Pommes und Kartoffelbrei. Gemüse geht eher portioniert, nicht zu viel. Eine Zeitlang sehr schlecht bis gar nicht. Da war ich meiner Schwiegermutter sehr dankbar, die mit vier eigenen und acht Enkelkindern immer ganz ruhig zu mir sagte: „Ach, Doro, die werden schon groß. All unsere Kinder hatten diese Phase! Mach dir keine Sorgen!“ Und sie hatte recht. Wir hatten keine monatelange „nur-Nudeln-und-sonst-nichts“-Phase. Ich habe mich lange gefragt, ob die Farbe des Gemüses beim Geschmack eine Rolle spielt. Grünes Gemüse ist bis heute nicht hoch im Kurs, z.B. Zucchini, Blattsalate, Grünkohl und Erbsen. Kein Wunder – mochte ich als Kind auch nicht wirklich!

Schöner Teller

Bäume essen?!

Gegen die Farbtheorie spricht bei uns der Brokkoli – der geht immer. Probiert wurde er, nachdem mein Mann mal sagte: „Schaut mal, Brokkoli sieht doch cool aus. Wie kleine Bäume – mit richtigen Baumstämmen“ – seitdem fragen wir uns alle gegenseitig, wer denn noch einen Baum essen möchte. Und alle freuen sich! Oft ist es auch einfach eine Art der Kommunikation, des Hinschauens und Ausprobierens. Wir haben gelernt, dass eins unsere Kinder Gemüse viel lieber roh isst, als gekocht. Und am liebsten, wenn es das noch selbst schälen und schneiden darf! Außerdem haben wir Gerichte gefunden, in denen gut die Lieblingsnudeln mit Gemüse kombiniert werden können wie zum Beispiel mit Spinatsoße.

Kreative Ansätze finden!

Suppen sind auch super (Kartoffeln mit Kürbis zum Beispiel), die können wir auch mal laut schlürfen und lachen. Gurken gehen auch immer – manchmal mit extrem viel Vergnügen, vor allem dann, wenn sie als Maske aufgelegt und Löcher reingebohrt werden. Denn, ehrlich: Für mich ist dieses unkonventionelle „Spielen“ auch mal Teil des Essens. Solange wir nichts Wegschmeißen oder die Gurkenscheiben an der Wand landen, weil die Surfer*innen auf unserem Esstischposter auch mal probieren sollen. Genauso habe ich auch schon Bohnen „verkauft“, weil die für gute Pupse verantwortlich sein können. Super Sache! Der Schlüssel zum Gemüseglück ist für mich Vertrauen! Vertrauen, dass meine Kinder schon wissen, was ihnen schmeckt. Und dazu gehört dann auch, dass ich nicht beleidigt bin, wenn jemand "BÄH!" ruft – darin übe ich mich aber noch.

Doro und Kerstin, unsere Expertinnen von MutterKutter (© Anne Seliger)


Auch ich, Kerstin, kenne die Problematik nur zu gut. Allerdings erleben wir in der Familie seit ungefähr zwei Jahren eine Trendwende, insbesondere bei unseren Töchtern. Von denen haben wir ja reichlich, nämlich fünf an der Zahl. Das was früher an Nudeln und Co. hoch im Kurs stand, wird heute missbilligend verschmäht: „Mama, weißt Du eigentlich, was sich da für Kohlenhydrate tummeln. Außerdem immer dieser Weizen-Mist, das macht die Darm-Flora kaputt!!“, sprach sie und verschwand aus der Küche. Also: Heute deswegen bei uns nur noch Linsen- oder Erbsen-Nudeln, damit sich die Darmbakterien freuen und natürlich gebe ich meinen Töchtern recht, denn der erhöhte Weizen-Konsum in unserer Gesellschaft macht uns eigentlich nur dick und krank. Dennoch muss ich zugeben, dass mich der Gemüse-Vibe meiner weiblichen Nachkommenschaft ganz schön stresst. Denn auf der einen Seite habe ich meine Veggies zu bedienen, während meine Jungs noch immer auf Fleisch stehen.

Ernährung, Food-Trends und Nährwerte

Dazu muss ich immer aufpassen, dass sich Teller und Messer der Veggies nicht mit denen der Fleisch-Fraktion vermischen. Liegt auch nur eine Scheibe Salami auf dem Käseteller, ist das Grund genug für einen verbalen Einlauf in meine Richtung: „Mama, das ist ja wohl oberekelig, wenn die Wurst meinen Bio-Käse berührt!“ Es ist ja wohl im Nachgang auch verständlich, dass der schöne Bio-Käse dann nicht mehr gegessen und traurig auf dem Teller verwelkt. Wahrscheinlich haucht die Käse- der Salami-Scheibe noch ein Sind die alle bekloppt hier? zu, während sie sich in meinen "Mama-hat-Mitleid-mit-dir-du armer-Käse"-Magen verabschiedet. Mittlerweile sind mein Mann und ich nämlich zur Reste-Verwertungs-Station verkommen. Das, was die Nachkommenschaft verschmäht, landet zwangsweise bei uns. Wir wurden deswegen schon liebevoll als „Reste-Schweine“ betitelt, was dem ganzen Wahnsinn wenigstens noch eine humorvolle Note verleiht. Wenn ich also mal wieder grunzend vom Ess-Zimmer in die Küche laufe, erinnere ich mich immer wieder gerne an die Tage zurück, an denen meine Kinder noch klein waren und mir einfach nur wieder die Gurkenscheibe entgegengespuckt haben.

Ruhe bewahren

Im Gegensatz zum heutigen Zustand, war es damals ein Klacks. Natürlich kenne ich auch in meinem Job als Hebamme die Sorgen der Eltern, denn es heißt häufig: „Hilfe, mein Kind isst kein Gemüse.“ Aus Erfahrung kann ich nur sagen: „Bitte seid beruhigt. Es ist normal und es ruckelt sich schon wieder mit der Zeit alles zurecht“. Um diese These untermauern zu lassen, haben wir eine Expertin befragt: Franziska-Beatrice Fiedler von @mamihatrecht , die nicht nur als Still-Beraterin, sondern auch in allen Fragen rund um Beikost und Ernährung von Kleinkindern eine Expertise besitzt. Die Influencerin sieht es ähnlich und beruhigt mit ihren Antworten alle besorgten Eltern.

Franziska-Beatrice Fiedler, Influencerin und Still-Beraterin (© Anna Olivia Weimer)

Liebe Franziska, wie sehen Deine Ratschläge aus, wenn das liebevoll gekochte Gemüse verschmäht wird? Sollen wir unsere Kinder austricksen oder vertrauen wir darauf, dass sie sich schon das holen werden, was sie brauchen?

Die Frage finde ich super spannend, denn im Moment sehe ich in meiner Tätigkeit vermehrt Ansätze, um die so genannten "picky eaters" – also Kinder, die wählerisch beim Essen sind zu verändern, auszutricksen, zu beeinflussen und irgendwie dazu zu kriegen, Lebensmittel zu essen, die sie ablehnen. Ich frage mich schon seit einer geraumen Zeit, warum das eigentlich ein neuer Trend geworden ist.

Gehen wir mal davon aus, dass Kinder grundsätzlich kompetent genug sind, um sich bei einem adäquaten Angebot an Lebensmitteln gut zu ernähren. Und das schon ab Geburt! Ein reif und gesund geborenes Baby ist, wenn es auf die Welt kommt, dazu in der Lage, allein die Brust der Mutter zu finden, sie korrekt zu erfassen und daran zu saugen. Es kann also selbständig für seine Ernährung und damit für sein Überleben sorgen. Es trinkt im besten Fall, so oft und so lange es möchte, und hört auf zu trinken, wenn es satt ist. Soweit die Theorie. In der Praxis erhält bei weitem nicht jedes Neugeborene die Chance, so ins Leben zu starten, aber grundsätzlich können sie es. Denkt man nun ein paar Monate weiter – das Baby wurde jetzt einige Monate lang nach Bedarf gestillt und wird langsam reif für die Beikost – so darf man davon ausgehen, dass das Kind in seinem eigenen Tempo Lebensmittel kennenlernen möchte. Die Beikost hat in den ersten Monaten auch eben diese Funktion: Sie heißt BEI-Kost und nicht "Anstattkost". Milch bleibt noch eine Weile das Hauptnahrungsmittel, Lebensmittel werden anfangs zunächst mit allen Sinnen kennengelernt, das darf sein. Es darf gefühlt, getastet, gematscht werden, es landet etwas im Mund, die Konsistenz, Temperatur und Geschmack werden erkundet und vielleicht gelangt auch schon etwas in den Magen.

Mut, die Selbstständigkeit zuzulassen

Das Essen zu erlernen ist ein enormer Entwicklungsschritt für Kinder – und er braucht Zeit. Und: Kinder sind Menschen – das heißt, sie haben auch schon von Anfang an Vorlieben, Abneigungen, empfinden Ekel oder Appetit. Manche Lebensmittel essen auch wir Erwachsenen nicht gerne, manche riechen für uns schon ekelhaft, manche können wir in ihrer Konsistenz nicht ausstehen. Kindern darf man das gleiche zugestehen. Deswegen bin ich persönlich auch strikt dagegen, dass ein Kind ein Lebensmittel "nur mal probieren" muss. Nein, auch der Probierlöffel ist etwas, das man sich "einverleiben" muss, die Nahrung kommt in meinen Leib, und ich möchte darüber doch bitte selbst entscheiden.


BreiSauerei

Der Grundsatz ist also schon, dass man Kindern zugesteht, Lebensmittel abzulehnen. Nun möchte man aber ja als Eltern, dass das Kind sich gesund ernährt und gut gedeiht. Man bereitet, wie schon in der Frage genannt, Gemüse zu, und es wird verschmäht. Hier würde ich zunächst raten: Nicht persönlich nehmen! Vielleicht ist es die Optik, der Geruch, vielleicht kann das Kind noch nichts mit der Konsistenz anfangen. Geduldig und kreativ sein. Lebensmittel immer wieder anbieten, aber ohne Druck. Gemüse kann man auch hervorragend in Nudelsoßen verarbeiten, in Suppen, in Risotto, in Bratlingen und und und. Haferflocken, Obst und gesunde Öle kann man in Smoothies oder Milchshakes unterbringen. Aus Kartoffeln bestehen beispielsweise Gnocchi und Pommes – und allein Pommes gibt es in so vielen Formen, da kann man sich durchprobieren. Nudeln gibt es inzwischen aus Linsen, Kichererbsen und Co. – auch so kann man gute Inhaltsstoffe ins Kind bringen. Ich würde das nicht als "austricksen" bezeichnen, denn man bereitet da einfach verschiedene Rezepte zu.

Austricksen? Nein! Motivieren? Ja!

Manche Kinder mögen übrigens einfach am liebsten kalte Speisen, hier kann man aus einem gesunden Milchshake ein Stieleis selbst herstellen – perfektes Frühstück! Think outside the box und vertraue deinem Kind, dass es sich aus einem guten Angebot an Nahrung das nimmt, was es benötigt. Und Phasen, in denen ein Kind nur die berühmten Nudeln mit Butter essen möchte, sind in gewissen Grenzen schon auch normal.

Ab wann wäre für dich ein Punkt erreicht, wo du sagst, dass man eine fachliche Beratung bräuchte? Gibt es diesen Punkt überhaupt oder interpretieren wir als Erwachsene viel zu viel in das Thema „Essen“ hinein? Müssen wir nicht vielleicht akzeptieren, dass sich jeder Mensch individuell entwickelt und wir es mal mit guten und mal mit schlechten „Essern“ zu tun haben?

Hier hake ich gleich mal ins Wording "gute und schlechte Esser" ein. Wer bewertet das denn eigentlich? Und wieso ist "gut" immer gleichgestellt mit "viel"? Ein Kind, das kleinere Portionen zu sich nimmt oder langsamer isst als andere, ist nicht automatisch ein "schlechter" Esser. Solche Bewertungen machen was mit uns, sie bringen Druck sowohl aufs Kind als auch auf die Bezugspersonen, die sich dann immer zuständig fühlen, etwas zu verändern. Dabei muss man gar nicht an jedem Kind etwas ändern, das einfach nur langsam mit der Beikost startet oder neuen Lebensmitteln skeptisch gegenübersteht.

Eine Grenze ist dann erreicht, wenn das Kind nicht gut gedeiht, schlapp oder blass wirkt oder wenn die Ernährung über eine gewisse Zeitspanne hinweg doch sehr einseitig ist. Dann wäre ein Blutbild sinnvoll, um Mängel auszuschließen. Ein Eisenmangel kann nämlich beispielsweise auch Appetitlosigkeit auslösen, was dann natürlich einen kleinen Teufelskreis ergibt.


GemüseBrille

Lieben Dank dir für deine ehrlichen und starken Worte, liebe Franziska! Übrigens setzt sich Franziska nicht nur auf Instagram für eine bindungsorientierte Elternschaft ein. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen hat sie das BFB Institut für bindungsorientierte Familienbegleitung gegründet. Sie bilden seit diesem Jahr auch Familienbegleiterinnen aus.