Digitale Medien und Kinder

von: MutterKutter MutterKutter

„Schätzchen, noch eine Folge Bibi und Tina, dann ist aber wirklich mal Schluss, ne!?“ – Hrrrrm! Genau in diesen Momenten denke ich innerlich: Merkst du selbst, Doro, oder? Warum? Weil die Bildschirmzeit-Theorie bei mir natürlich schon oft auf die Realität geprallt ist und meine Kids viel länger ihre Lieblingsserien und Sendungen geschaut haben, als eigentlich geplant. Gründe? Ich musste noch einen Job fertig machen, kochen, wollte mal eine Runde auf dem Sofa chillen oder endlich mit meiner Freundin telefonieren. So it is….

Aus einer Folge wurden dann auch schonmal vier – statt 25 Minuten Bibi & Tina also 100 Minuten! UFF, ja! Ehrlich: Danach wieherte es nicht mehr nur auf dem Bildschirm, sondern wir alle gleich mit. Ja: Der Medienkonsum macht was mit unseren Kindern, die danach auch wieder in der Lebensrealität ankommen müssen – und das im Zweifel mit Gebrüll… Aber auch mit uns. Ich selbst hänge an manchen Tagen zu viel am Smartphone ab, lasse mich dann von Social Media einsaugen und müde wieder ausspucken. Wenn ich meine eigenen Bildschirmzeiten montags betrachte, dann denke ich schon manchmal: „Huch, DORO! Das war aber viel, auch wenn du mit deinem Handy arbeitest und beruflich online zuhause bist! Heute nur eine halbe Stunde Instagram, dann ist aber Schluss!“

Vorbild? Ich hätte da ein paar Fragen…

Ich möchte aber schon auch für meine Kinder ein Vorbild sein. Deshalb lege ich mein Handy inzwischen oft weg oder lasse es am Wochenende zuhause. Bei uns gilt eigentlich die goldene Regel für die Bildschirmzeit der Kinder: Fernsehen nur am Wochenende – und davor und/oder danach Bewegung draußen. Aber natürlich hat das Homeoffice samt Corona diese mehrfach eingerissen – und die Vorweihnachtszeit auch. Noch haben meine Kids kein eigenes Tablet, aber das dauert sicher nicht mehr sooo lange. Ich merke, dass ich mich mehr mit dem Thema auseinandersetzen muss. Mich beschäftigen viele Fragen, zum Beispiel: Welche Apps sind sinnvoll? Was muss ich meinen Kindern beibringen? Wie beuge ich vor, dass sie nicht auf falschen Webseiten landen? Erste Hilfe bietet für solche Fragen Leonie Lutz. Sie ist Journalistin, digitale Expertin und klärt uns Eltern mit „Kinder digital begleiten“ auf. Dazu bietet sie spezielle digitale Kurse an. Wir durften mit ihr schon mehrmals zusammenarbeiten und können nur sagen: Sie macht einen super Job. Die Kölnerin erklärt verständlich und bringt die Dinge auf den Punkt. Wir freuen uns sehr, dass sie uns für tausendkind einige Fragen beantwortet.

Leonie Lutz, Journalistin

Leonie Lutz (© Hanna Witte)


Liebe Leonie, gerade in diesen verrückten Homeoffice-Jahren haben wir als Eltern ja oft ein schlechtes Gewissen: „Uaaah, mein Kind guckt so lang!“ Gibt es eine offizielle ,Richtlinie‘ für jedes Alter, wie lang die Kinder gucken sollten?

Es gibt Empfehlungen, die hilfreich für eine grobe Einschätzung sind. Zum Beispiel auf der Website von Klicksafe oder auch von der WHO. Allerdings muss ich sagen, jetzt in Pandemie-Zeiten sind diese Anregungen für Familien fast nicht umsetzbar. Wenn mein Kind von einer Schulschließung betroffen oder vielleicht sogar gerade in Quarantäne ist, ich als Mutter oder Vater aber weiterhin arbeiten muss, dann können digitale Medien Familien natürlich auch unterstützen, diese besondere Zeit durchzustehen. Ich rate Eltern also momentan, sich nicht noch zusätzlich wegen Medienzeiten zu stressen, stattdessen lieber auf vernünftige Inhalte zu setzen. Es gibt durchaus tolle Angebote für Kinder im Netz, von Apps angefangen, über Podcasts bis hin zu Serien.

Wie gehen wir denn medienbewusst in unserer Familie um: Zu welchen Inhalten rätst du in welchem Alter? Kinder mit fünf müssen ja nun nicht unbedingt Harry Potter gucken … oder?

Es kommt darauf an, in welchem Medium sich das Kind bewegt, wie alt es ist und ob es eher ein ängstliches Kind oder vielleicht auch besonders sensibel hinsichtlich dramatischer Musik oder schnellen Schnitten ist.

Meiner Erfahrung nach sind die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender großartig und dabei auch noch kostenlos. Im Bereich Bewegtbild ist zum Beispiel die ZDFtivi-App toll. Dort gibt es auch einen Bereich für die jüngeren Kinder, das ZDFchen. Ansonsten sind auch die Apps von Maus, Elefant oder der KiKA-Player und Kikaninchen ganz wunderbar. Und wer das alles schon kennt und nutzt, für den sind die Kinder-Apps von Fox & Sheep aus Berlin eine schöne Sache.

Ab dem späteren Grundschulalter verändern sich die digitalen Interessen von Kindern. Wenn es dann in den Bereich der Onlinegames geht, können sich Eltern beim Spieleratgeber NRW einen Überblick verschaffen, ob ein Spiel wirklich taugt und was darin passiert. Und für den Bereich Serien und Filme empfehle ich die Seite von FLIMMO. Hier gibt es Serien-, TV-, und Streaming-Tipps, ebenfalls pädagogisch beurteilt. Das ist ein sehr wichtiger Aspekt, denn die Altersempfehlungen wie FSK für Sendungen oder die USK für Spiele sind nie pädagogische Beurteilungen. Da hilft es ungemein, die richtigen Seiten im Netz zu befragen.

Anmerkung der Redaktion: Wir möchten Sie an dieser Stelle auch auf die fsf hinweisen, die neben der Programmprüfung und der Vergabe von Altersfreigaben für Fernsehsendungen ihre Aufgabe in der Förderung eines bewussteren Umgangs mit Medien sieht.


Wichtiger Aspekt: Gerätekompetenz

Uns Eltern ist ja oft mulmig zumute: Wir wissen, wir sollten die Plattformen kennen – was sagst du: Ab wann sollten wir uns mit den Medienangeboten für Kids auseinandersetzen und was sollten wir ungefähr wissen?

Im Prinzip ab dem Moment, sobald unsere Kinder digitale Anwendungen nutzen. Den Kleinsten kann man anfangs die Basics beibringen. Stichwort Gerätekompetenz. Also die wichtigsten Helfer, wie den Schließen-Button, wenn etwas zu aufregend ist, Start- und Stop bei Videos, Laut- und Leise- Taste und so weiter. Bewegen sich Kinder später autarker am Tablet oder haben sogar ein eigenes Smartphone, ist es wichtig, sie konkret zu begleiten und insbesondere über die Risiken im Netz aufzuklären.


Cybergrooming, Deep Fakes und TikTok – bitte was?

Wo stecken denn die Gefahren für unsere Kids?

Gefahren können im Internet leider an sehr vielen Stellen auftauchen. Und diese Netzphänomene sollten Kinder kennen – am besten, wenn die Eltern darüber Bescheid wissen und ihre Kinder sozusagen vorwarnen. Phänomene wie Cybermobbing, Pornografie oder Falschnachrichten sind Eltern vielleicht bekannt, bei Cybergrooming, Deep Fakes, TikTok-Challenges oder WhatsApp-Kettenbriefe wissen manche aber nicht umfassend Bescheid. Diese Gefahren sind für Eltern nicht immer sofort ersichtlich, weil sie eben nicht nur in sozialen Netzwerken, sondern auch in Onlinespielen lauern können. In meinem Buch „Begleiten statt verbieten“, das im Mai 2022 erscheint (ISBN 978-3-466-31186-6), erkläre ich alle Phänomene auch dahingehend, dass Eltern zuhause vorbeugen und im akuten Notfall handeln können. Es ist heute wirklich wichtig, dass wir Eltern uns auch in Sachen digitale Medien informieren. Die Lebensrealität von unseren Kindern und Jugendlichen im Netz ist eine ganz andere, als wir denken. Hier mal einzutauchen, lohnt sich wirklich. Einmal, weil wir ein Gespür für die Risiken bekommen und dadurch unsere Kinder aufklären und besser schützen können und einmal, weil wir viel Positives entdecken werden, neue Kompetenzen, die digitale Geräte und Medien unseren Kindern ermöglichen. Eins darf man aber eben auch nicht vergessen: Im Netz gibt’s auch Großartiges für Kinder und ihre Familien. Wir müssen sie nur kennen!


Leonies Tipps für digitale Medien

Folgend hat Leonie für alle Eltern eine Übersicht mit zahlreichen Apps zusammengestellt, die Kompetenzen vermitteln und gleichzeitig unterhaltend sind.

App-Tipps für Kinder bis zum Vorschulalter:


Kleiner Fuchs Tierarzt

Eine niedliche App für Kinder ab drei Jahren ist „Kleiner Fuchs Tierarzt“. Die Kinder schlüpfen hier in die Rolle des Arztes und heilen nach und nach die Waldtiere, die im Wartezimmer Platz genommen haben. Wirklich krank sind die Tiere nicht, sie haben allenfalls einen Sonnenbrand, Mückenstiche oder Läuse. Das Spiel ist beendet, wenn alle Tiere geheilt sind und das Wartezimmer leer ist.

Kleine Bauarbeiter

Kinder, die sich für Baustellen und Bagger interessieren, werden diese App lieben. Hier kann gewerkelt, ein Hausdach aufgebaut, eine Wand gestrichen oder eine Baugrube ausgehoben werden. Die App wird ab drei Jahren empfohlen, erfordert allerdings etwas Fingerfertigkeit und Übung.

Kleine Feuerwehr für Kinder

Mit der App „Kleine Feuerwehr für Kinder“ tauchen Kinder in die Welt der Feuerwehrleute ein. In der Zentrale fehlt es an nichts und wenn doch, ist es die Aufgabe der Kinder, die Utensilien zu suchen. Hin und wieder wird zum Einsatz gerufen. Dann machen sich die Feuerwehrleute über die Rutschstange auf den Weg zum Löschfahrzeug. Das Löschen selbst übernehmen die Kinder.

Lazuli4+

Lazuli ist ein kleiner Hund, der in einem schönen Garten lebt. Und so ein Garten benötigt Pflege. Auch geht es hier spielerisch um Wahrnehmung, den Grundlagen von Zählen und Mengen und darum, sich Dinge zu merken. Der kleine blaue Hund macht das Spiel zu einem ruhigen Abenteuer und ist geeignet ab einem Alter von vier Jahren.

Thinkrolls

Ein Logik-Rätsel für Kids ab fünf Jahren. Wirkt auf den ersten Blick recht simpel, wird aber von Level zu Level kniffliger. Anfangs rollt das Figürchen durchs Labyrinth und futtert Kekse, schon bald müssen Kinder aber kleine – auch physikalische – Herausforderungen bewältigen, damit sie weiterkommen.


Digitale Medien und Anwendungen verstehen und Zukunftskompetenzen erlernen:


Stop Motion Studio

Mit der kostenlosen Version von „Stop Motion Studio“ können Eltern zusammen mit ihren Kindern Legetrickfilme erstellen. Will man die Filme mit Musik unterlegen, braucht es innerhalb der App ein kostenpflichtiges Upgrade, theoretisch reicht aber die kostenfreie Version aus. Kinder lernen, was es braucht, um eine Geschichte zu erzählen und was die Ursprünge von Zeichentrick sind.

Osmo

Osmo ist ein Lernsystem, das Spiel und Lernen verbindet. Kinder können hier mit Legesteinen Figuren legen, rechnen, schreiben, knobeln. Dank Augmented Reality und einer reflektierenden künstlichen Intelligenz wir das haptisch-analoge Spiel digital erkannt. Mit dem „Little Genius Starter Kit“ gibt es Osmo nun auch für Kinder ab drei Jahren zur Förderung von grundlegenden Entwicklungskompetenzen, wie Wortschatz, Buchstaben, Emotionen und Problemlösen.

ScratchJr

Scratch Junior ist eine Programmiersprache, die Kinder ab 5 Jahren dazu befähigt, eigene interaktive Geschichten und Spiele zu entwickeln. Die Kinder fügen grafische Programmblöcke aneinander, um Figuren zu bewegen und sie hüpfen, tanzen und singen zu lassen. Das bedeutet einen sehr kindgerechten Einstieg, weil es nicht um Texte oder Code-Abfolgen geht. Kurzum: Eine spielerische Art programmieren zu erlernen!

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Mehr Inhalte von Leonie gibt es auf Instagram, dazu wird im Mai 2022 ihr Buch erscheinen: „Begleiten statt verbieten“, Kösel Verlag 2022, ISBN 978-3-466-31186-6; 16 EUR.


ExpertinnenMutterKutter

Doro und Kerstin, unsere Expertinnen von MutterKutter (© Anne Seliger)

Gefahren gibt es nicht nur im Netz, sondern auch durch das Netz. Denn wer zu lange davor hockt, bekommt nicht nur einen steifen Nacken, sondern auch Schlafstörungen, Probleme mit der eigenen Optik oder auch mit dem Gewicht. Leider betrifft dieses Phänomen, gerade durch Corona, immer mehr und mehr Kinder. Auch die Vereinsamung durch den permanenten Handy-Konsum ist ein großes Thema. Es darf nicht sein, dass Kinder keine Hobbies mehr haben bzw. diese vernachlässigen, nur weil sie mittlerweile ein gewisses Suchtpotential nach Social Media-Kanälen entwickelt haben. Ich, Kerstin, beobachte dieses leider zunehmend bei den Freund*innen meiner Kinder. Achtjährige, die sich bei uns aufs Sofa zurückziehen und nicht mehr spielen, basteln oder toben. Stattdessen wird stupide aufs Handy geglotzt. Es sind Kinder, die keinen Purzelbaum mehr machen und ihr Gleichgewicht beim Balancieren nicht mehr halten können. Dazu kommt noch permanente Müdig-, Lustlosig- und Trägheit. Es fehlen mir die Worte dafür und nur wir Erwachsenen und Eltern sind dafür verantwortlich, dass dem ganzen Desaster ein Ende bereitet wird. Regelmäßig „offline“ gehen, Bücher lesen, sich mit seinen Kindern unterhalten und beschäftigen. „Back to the roots“ sozusagen, könnte der Schlüssel zu ein bisschen mehr Familien-Glück und Normalität sein. Ich empfehle, dass wir Eltern unsere Kinder an die Hand nehmen, bewusst Smartphonezeiten einrichten (nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel) und wieder mehr gemeinsam unternehmen – und sei es ein Ausflug mit den Kindern, BMX-Rädern und Laufschuhen in den Wald. Das tut der ganzen Familie gut! Und wir stellen sicher, dass unsere Kinder die Tiere und Bäume auch noch in echt sehen statt nur bei YouTube.



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